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Lisa's Reiseblog - GROW as you GO

Mein Tag auf einem Zwiebelfeld: Ich kam, ich pflückte, ich ging schnell wieder

Farmarbeit während eines Work-and-Travel-Jahres ist eines der umstrittendsten Themen überhaupt. Einige sagen, es gehört einfach zum Backpackererlebnis dazu, andere sind der Meinung es ist pure Ausbeutung. Mir ging das Geld aus und die weniger exotische Zwiebelernte war zumindest einen Versuch wert. Schließlich bin ich eine “echte” Backpackerin, oder?

Was tun, wenn das Geld ausgeht?

& eine rettende SMS?

Nach mehr als einem Monat, im f​ü​r Backpacker scheinbar unerschwinglichem Sydney (Was kostet ein Jahr Australien) und einigen Wochen unterwegs an der Ostküste Australiens, war es nun passiert: Das Geld neigte sich dem Ende zu.  Obwohl ich nicht auf der Suche nach einem Second Year Visa war schien nach zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen die SMS von Al aus Gatton, QLD wie ein vom Schicksal gesendeter Lichtblick. Zwiebeln pflücken (45$ pro Bin) und wir könnten anfangen sobald wie möglich. Also wurde alles Hab und Gut in den Campervan gepackt und zwei Tage und 800 km weiter, waren wir in Gatton. Dieses stellte sich als verschlafenes Dorf von etwa 4000 Menschen heraus, mit einem Coles, einem modernen Hallenbad und sonst nicht viel. Unser einziger Anhaltspunkt war eine drei Tage alte SMS mit wenigen Details. Am späten Abend kam dann die kurz gehaltene Nachricht: “Treffpunkt morgen 4.00 AM am Coles. Zieht lange Klamotten an.”

War das Jobangebot doch nur ein Scherz gewesen?

Die Nacht war viel zu kurz. Schon war es kurz vor vier und man stand verschlafen auf dem Coles Parkplatz umringt von einer Gruppe Backpackern die es ebenfalls hierher verschlagen hatte. “Zwiebeln” schien das Wort in aller Munde zu sein und jeder hatte andere Gerüchte zu erzählen von diesem Al f​ü​r den wie es sich herausstellte alle arbeiteten. Gesehen hatte ihn jedoch noch niemand und in mir begannen sich Zweifel zu bilden als es immer später und später wurde und niemand kam. Gegen halb fünf gaben die Ersten auf und gingen fluchend, doch unsere Geduld wurde belohnt. Ein weißer Minibus fuhr auf den Parkplatz, dann noch einer und noch einer. Drinnen saß​en Menschen allen Alters und jeder Herkunft und einige Backpacker wie wir, die Mehrzahl jedoch asiatische Familien. Die insgesamt neun Busse hielten für etwa zehn Minuten während ein Cowboyhut tragender, voll-bärtiger Mann von Wagen zu Wagen lief und mit den Fahrern diskutierte. Dann fuhren sie, ohne uns auch nur einmal zu beachten los.  Hastig stiegen wir in unseren Van.

Schnell, schneller, Zwiebel

Die Minibus Fahrer schienen und die verlorene Zeit wieder aufholen zu wollen denn sie rasten mit illegalen und fast unmöglichen Geschwindigkeiten ​über die ungeteerten Landstraß​en. Der Bass der lauten Musik die im vor uns fahrenden Bus lief konnten selbst wir noch hören. Die ersten Sonnenstrahlen begannen gerade die Nebelschwaden zu beleuchten und schufen eine spannungsgeladene und fast schon unheimliche Atmosphäre.

Nach etwa 40 Minuten kamen war endlich an. Vor uns breitete sich ein Zwiebelfeld unglaublichen Ausmaßes aus. Überall waren schon Arbeiter verstreut, windschiefe Stapel von überdimensionalen Holzkisten umringten sie während Traktore für mich unsichtbaren Wegen durch das Feld folgten.

Nach einigen Minuten ratlosen Herumstehen fanden wir uns damit ab, dass es wohl keine Einweisung geben würde. Wie alle anderen schnappten wir uns ein paar dreckige Wäschekörbe und bekamen eine verrostete Schere in die Hand gedrückt. Schon ging es los.  “Haltet euch an die Asiaten”, wurde uns noch nachgerufen, “Die wissen wie man das macht”.  Und genau so taten wirs. Schnell lernte ich, das Zwiebeln ernten nicht sehr schwer ist. Man zieht die Zwiebel an ihrem grünen Strang aus der Erde und schneidet diesen und die Wurzeln ab. Fertig. Schneller geht es wenn man einen ganzen Büschel voll auf einmal macht. Damit füllt man die Wäschekörbe, die wiederum in die Holzkisten gelehrt werden. Easy, so dachte ich.

Die Realität, wie du sie dir vorstellst & wie sie wirklich ist

Die erste halbe Stunde muss ich sagen hat auch richtig Spaß gemacht. Wirklich. Ich war an der frischen Luft, die Arbeit war körperlich nicht sonderlich anstrengend, man  konnte sogar sitzen wenn man wollte.

Dann kamen die Fliegen. Die tauchen in Australien ja bekanntlich öfters auf. Doch schien es als hätte jede Fliege des gesamten Kontinents es heute auf unser einsames Zwiebelfeld verschlagen. Sie krochen einem in Nase und Mund und sogar in die Augen. Als ich mich gerade an die lästigen Dinger gewöhnt hatte und meine Fliegen-weg-wedel Technik perfektioniert hatte kam der zweite Feind: Die Hitze.

Bis jetzt war es noch früher Morgen gewesen, doch gegen neun Uhr stand die Sonne endgültig hoch am Himmel und knallte erbarmungslos auf uns herunter. Da Zwiebelpflanzen wenig Schatten spenden und Zwiebelpflanzen leider das Einzige waren was uns umgab begann die Arbeit immer schwerer zu fallen. Trotz ständigem Eincremen holte ich mir an diesem Tag einen der schlimmsten Sonnenbrände meines Lebens. Dennoch kämpfte ich mich tapfer weiter und der erste Bin begann sich zu füllen. Zwanzig Wäschekörbe brauchte man etwa für einen. Doch ich fühlte mich gut, es ging voran. Dann, gegen H​älfte des zweiten Bins kam der dritte Feind: Die Schmerzen.

Ich entwickelte neue Erntetechniken

Die Hände waren am Schlimmsten. Ich konnte die Blasen schon spüren. Bald konnte ich die schwere Zwiebel Schere nicht mehr schließen, dann noch nicht einmal mehr anheben. Meine rechte Hand war Matsch, komplett unbrauchbar. Also musste ich notgedrungen ambidextrous werden und benutzte die Linke. Diese war die plötzliche Belastung jedoch nicht gewöhnt und wurde noch schneller zu Pudding. Nach einer kurzen Verarztung der mittlerweile bluten Risse und Pusteln an den Handflächen erfand ich eine neue Erntetechnik wobei ich einfach das Zwiebelgrünzeug abriss und die Zwiebel aus der Erde mit einem Fuß heraustritt. Dies erntete mir zwar Gelächter von den einheimischen Arbeitern doch es funktionierte.

Ich unterhielt mich so gut es ging beim Pflücken mit einer sicher 60-Jährigen Frau die kaum Englisch sprach und von den Philippinen stammte. Sie erzählte mir, dass ihre gesamte Familie noch in ihrer Heimat war, wo es keine Arbeit gibt. Sie sei die einzige Hoffnung und schickte all ihr verdientes Geld heim. Sie war so rührend hilfsbereit und schärfte mir sogar noch meine alte, stumpfe Schwere. Eine bewegende Begegnung.

Bis hier hin und weiter? Farmarbeit ist nicht für jeden

Gegen Mittag und gegen Hälfte des dritten Bins kam ich an meine Grenzen. Die Sonne machte mir zu schaffen und immer öfter legte ich mich f​ü​r eine Weile in den Schatten meines Bins in die staubige Erde. Die spritzenden Zwiebel Säfte ließen Tränen über meine Wangen laufen. Auf Händen und F​üßen kroch ich im Dreck herum, mit dröhnenden Kopfschmerzen und blutigen Händen. Als der Traktorfahrer der den letzten Bin abholte mir klarmachen wollte, dass da noch drei Wäschekörbe voll hinein m​üssten war ich kurz davor aufzugeben. Zum Glück war ich nicht alleine und gemeinsam mit meinem Freund schaffte ich es. Uns hat nur unsere Zusammenarbeit an diesem Tag gerettet.

Letztendlich schafften wir in 10 Stunden drei Bins. Zu zweit. Uns wurde versprochen ein Bin wäre in 1-2 Stunden machbar. Die erfahrensten Arbeiter schaffen das auch manchmal wurde uns auf dem Feld erzählt. 135$ für 10 Stunden Arbeit. Geteilt durch zwei. Kommt auf 6,75$ Stundenlohn. Damit hätten wir kaum unsere Lebenskosten decken können, selbst wenn wir jeden Tag gearbeitet hätten. Nach einer drei Minuten Dusche für ​1$ auf einem Campingplatz und einem kühlen Bier gingen wir zu Al’s “Büro” um unser Gehalt für den Tag abzuholen. Das Büro stellte sich als nettes Einfamilienhaus heraus und Al als 1,70m Mann arabischer Herkunft mit Designer Sonnenbrille, aufgeknöpftem Hemd und Goldkettchen. Er grinste als er uns unsere135$ gab. “Hardwork is not for everyone”, sagte er und zwinkerte.

bei Zwiebelernte nach Bin bezahlt

Um ein Abenteuer reicher

Wir verließen Gatton noch am selben Abend. Der Traum vom großen Zwiebel Reichtum war geplatzt. Nach Zwiebeln stinkend, mit Dreck in allen Poren und komplett erschöpft fuhren wir weiter. Was habe ich vom Zwiebelfeld mitgenommen?  Einen Sack voller Zwiebeln so groß wie Babyköpfe, einen Sonnenstich, Dankbarkeit, dass ich nie in meinem Leben auf Feldarbeit angewiesen sein werde und den Zwiebelduft der meine Nase nie wirklich ganz verlassen hat. Bis jetzt jedenfalls noch nicht.

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1 Kommentar

  1. Toller Artikel, das muss echt großartig gewesensein. Liebsten Dank hierfür!
    Glg finja | http://www.effcaa.com

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